Der Notendschungel und ich

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Meine Reise zu mehr Lebensfreude


„Hätte ich das nur damals schon gewusst und wenn ich doch nur viel früher damit begonnen hätte!“
Kennt ihr das? „Wenn das Wörtchen, wenn nicht, wäre….“

Zugegeben, es ist ärgerlich, wenn ich bedenke, wie viel Zeit ich in der Vergangenheit damit verplempert habe, für all meine Lieblingsstücke die passenden Noten zu suchen, die Noten zu durchleuchten, zu beschreiben und alsdann mit dem Üben zu beginnen. Niemals hat es mir Spaß gemacht, die Lieder nach Noten zu lernen! Doch war es immer mein Wunsch, die Lieder spielen zu können und eine andere Möglichkeit kannte ich damals bislang nicht.



Viele Jahre kämpfte ich mich durch den Notendschungel

Wahrlich, es war ein Kampf! Je schwieriger das Stück, umso mehr Vorzeichen es hatte, umso schwindeliger wurde es mir! Den Violinschlüssel im mittleren Oktaven-Bereich konnte ich vom Blatt weg nachspielen. Doch ging es in Richtung höhere Lagen, oder gar in die tiefere Lage, war ich gezwungen, die Noten auf dem Notenblatt zu kennzeichnen. Richtig kriminell wurde es für mich, wenn sich die Vorzeichen (pro Tonart z. B. # oder b) dementsprechend vermehrten.

Noch nie ist es mir gelungen, den Bassschlüsse direkt vom Blatt weg zu spielen, ohne vorher die Noten auf dem Notenblatt kennzeichnen zu müssen. Man sollte meinen, wenn man als sechsjähriges Kind mit dem Klavierspielen beginnt, müsste dies doch irgendwann in Fleisch und Blut übergehen? Nein, nicht bei mir. Ich sage es, wie es ist. Von Beginn an waren die Noten für mich ein Graus, sprich, bevor ich überhaupt mit dem Üben beginnen konnte, verbrachte ich viel Zeit damit, all die Noten auf dem Blatt zu kennzeichnen.

Wie ich bereits berichtete, hatte ich während meiner Zeit im Chor, als 2. Chorleiterin, die Aufgabe übernommen, die Chornoten für einen großen Teil unseres Repertoires selbst zu schreiben. Zum einen ersparten wir uns die Kosten für Chornoten aus einem Verlag und zum anderen fanden wir damals nicht die passenden Arrangements zu unseren gewählten Liedern. Zudem hatte ich damals noch die Hoffnung, dass mir diese Arbeit dabei helfen würde, die „Notensprache“ besser zu verstehen und schneller zu lernen. Doch weit gefehlt! Die Noten bleiben mein Feindbild Nr. 1 und der Traum vom Spielen nach Blatt würde sich nie erfüllen.

Einmal umblättern bitte!

Hatte ich es damals, zu Chorzeiten, endlich geschafft, meine Stücke nach Noten einzustudieren, zeigte sich eine weitere Hürde, die es zu bezwingen galt. Ein Arrangement bestand schließlich nicht nur aus einem Blatt (teilweise waren es bis zu zehn Seiten), sprich, ich musste während des Spielens mein Noten-Arrangement umblättern. Für viele Pianisten ist dies kein Problem, für mich jedoch war es eines! Demzufolge bat ich um Hilfe, sprich, ein Chormitlied blätterte für mich um. Doch hierfür waren natürlich stets Blickkontakte und Zeichen vonnöten. Im Übrigen war ich nicht die einzige Pianistin, die einen Assistenten, sprich „Notenwender“ hatte. Ich beobachtete dies auf einigen Konzerten, die wir damals besuchten.

Aber dieses Gefühl, mich ständig auf einen Assistenten „Notenwender“ verlassen zu müssen, gefiel mir gar nicht. Daraufhin bekam mein Mann von mir den Auftrag, ein dementsprechend langes „Notenpult“ für mein Klavier (E-Piano) zu basteln. Ich klebte die Seiten mit Tesa aneinander und das Noten umblättern war Geschichte!


Abhängig vom Notenmaterial

Doch auch dieser Umstand machte mich nicht glücklicher. Wie sehr die Abhängigkeit von Notenmaterial, meinen Freiraum beeinflusste, zeigte sich in folgenden Situationen.

Situation 1:
Während unserer damaligen Konzertauftritte begleitete ich den Chor instrumental am Klavier. Je nach Liedgut versank ich während des Spielens ganz und gar in die Welt der Musik, genoss den wunderbaren Chorgesang und den Klang meines Pianos. Dies war teilweise so berauschend, dass ich meine Augen schloss – damals gab es durchaus einzelne Passagen, die ich auswendig spielen konnte. Doch leider nicht das ganze Stück!
So geschah es – und das nicht nur einmal – dass ich aus meiner musikalischen Welt erwachte und keine Ahnung hatte, wo die Stelle auf meinem Notenblatt zu finden wäre, die ich als Nächstes zu spielen hätte! Und schwupp, ich musste mein Klavierspiel kurz unterbrechen. Leute, das war mega peinlich!


Situation 2:
Nach mehreren Vorkommnissen, dieser Art beschloss ich fortan, all meine Stücke nach Noten zu lernen und so lange zu üben, bis ich sie auswendig spielen kann. Soweit so gut. Als ich jedoch die aktive Chorzeit beendete, gab es durchaus auch Zeiten, in denen ich teilweise mehrere Monate nicht mehr Klavier am Klavier saß.
Dass dies nicht von Vorteil für die Klavierkunst ist, weiß jeder Pianist. Nicht umsonst sagt man, egal wie viele Stücke man spielen kann, ein regelmäßiges Üben, mindestens einmal die Woche alle Lieder wiederholen ist ein Muss! Nun gut. Als ich nach einer Weile mich wieder an das Klavier setzte, stellte ich schockierend fest, alles ist weg! All die auswendig gelernten Stücke waren weg! Für jedes Lied kramte ich die Notenblätter hervor und begann erneut, die Stücke einzuüben. Natürlich ging es dieses Mal um einiges schneller, den je mehr ich mich mit dem jeweiligen Stück befasste, desto mehr erinnerte ich mich bruchstückweise an einzelne Passagen. Dennoch, teilweise benötigte ich hierfür wiederum mehrere Stunden, gar Tage, bis ich das ganze Stück erneut spielen konnte.

Dies kann mir heute glücklicherweise nicht mehr widerfahren. Durch eine neue Methode, all meine Lieder mittels Akkordlehre und nach Gehör zu lernen, erinnere ich mich recht schnell an meine auswendig gelernten Stücke. Ganz egal, ob ein Stück eine Länge von 3 Minuten oder gar 5–6 Minuten hat; die Melodie, die ich im Kopf habe und die Akkorde helfen mir, mich rapide an die Spielweise des Stückes zu erinnern. Früher, als ich nach Noten spielte, hatte ich seltsamerweise nie Akkorde oder die Melodie im Kopf, sondern ich sah immer die Noten vor meinem inneren Auge. Und wehe, die Noten verschwanden vor meinem inneren Auge aufgrund längerer Übungspause, tja, dann waren sie weg!

Ohne Notenmaterial, flexibel und frei!

Nicht nur, dass mir das Einüben der Musikstücke nun viel mehr Spaß macht, tatsächlich werde ich pro Lied stetig schneller, bis ich das Lied vollständig auswendig spielen kann. Die Stücke ohne Noten lernen zu können, bedeutet für mich schon etwas mehr Freiheit am Klavier!

Anhand der Akkordlehre/Harmonielehre und meiner Intuition verkürzt sich die Einübungszeit von Mal zu Mal. Dank eines wunderbaren Online-Klavierlehrers „Thomas Forschbach/Werde Musiker.de“ finde ich neue Wege, mit mehr Leichtigkeit und noch mehr Spaß meine Stücke zu lernen. Seit November 2023 habe ich bis zum heutigen Tag mein Repertoire auf neun Musikstücken erweitern können. Aktuell lerne ich das Lied „Only You“ von Enya. Ich bin sehr glücklich darüber und auch ein wenig stolz. Sicherlich gibt es viele Pianisten unter euch, die in dieser Zeit weit mehr Musikstücke einstudieren können. Doch für mich ist es ein großer Fortschritt und ich bin mir sicher, dass sich meine Einübungszeit zukünftig noch verkürzen wird.

Jedoch ist dies für mich nicht Priorität 1, meine ausgesuchten Stücke so schnell wie möglich zu spielen, bzw. mein Repertoire in kürzester Zeit erweitern zu können. Vielmehr ist es mein Ziel, die Technik und die Qualität zu verbessern sowie zukünftig eigene Kompositionen spielen zu können und mehr Freiheit am Klavier zu haben.

Mein erster Auftritt nach Jahren!

Apropos Lampenfieber! Bitte drückt mir die Daumen! Ende Juli habe ich meinen ersten Auftritt nach mehr als sechs Jahren, in der Öffentlichkeit! Meine Freundin wird auf einer Vernissage Märchen erzählen und ich darf dem Event mit meinen Klavierstücken eine musikalische Note verleihen.

Hoffentlich gewinne ich bis dahin noch mehr Gelassenheit. Natürlich wird man das Lampenfieber nie ganz verlieren ( angeblich wäre es gut, immer etwas Lampenfieber zu haben), doch hoffe ich sehr, dass mich das nie mehr so extrem behindert und ich dadurch mehrere Aussetzer habe.

Ich bin sehr gespannt und werde euch auf jeden Fall davon berichten!

Bis dahin
Viele Grüße

Angela